Das Wort vom Kreuz 3 – Liebe
Johannes 19,25-27
Predigt Jürgen 20. Juni 1999

Ein wohlhabendes Elternpaar hat einen Sohn. Die Mutter stirbt, als der Sohn noch klein ist. Nun gilt die ganze Liebe des Vaters seinem Kind. Der Junge wächst unter der liebevollen Fürsorge des Vaters heran. Zwischen Vater und Sohn entsteht eine innige Beziehung von Vertrauen und Zuneigung. Wie groß ist der Schmerz, als der gerade erwachsene Sohn eines Tages stirbt! Der Vater leidet unsäglich unter dem Verlust des geliebten Sohnes. Nach einigen Jahren der quälenden Einsamkeit stirbt auch der Vater. Nach der Beerdigung kommen die Verwandten, um das Testament zu öffnen. Sie sind gespannt, wem das große Vermögen wohl zufallen wird. Aber sie suchen ohne Erfolg. Im ganzen Haus ist kein Testament zu finden. So beschließen die Verwandten, den Besitz unter sich aufzuteilen. Am Nachmittag kommt auch das Hausmädchen, das jahrelang für die Familie treu gearbeitet hat. Sie trauert dem Mann nach, der ihr in seiner Liebe zu seinem Sohn immer ein Beispiel gewesen ist. Sie will nichts von den wertvollen Dingen aus dem Haus. Sie will nur ein Andenken an die Familie mitnehmen. So nimmt sie ein kleines Bild von der Wand, das den Vater mit dem Sohn zeigt. Es ist nur eine ganz einfache Fotographie, aber dieses Bild wird das Mädchen stets an die Liebe zwischen Vater und Sohn erinnern. Sie bringt das Bild nach Hause, und als sie es bei sich aufhängen will, fällt ein Stück Papier auf den Boden. Sie nimmt es auf und findet das Testament des Vaters. Er hat geschrieben: „Wer immer den Wunsch hat, dieses Bild zu besitzen, der soll mein Erbe sein. Er soll meine ganzen Besitztümer erhalten!“

Als ich nach einem Gebet eine Einleitungsgeschichte für diese heutige Predigt suchte, dauerte es überhaupt nicht lange. Schon diese allererste Geschichte sagte mir: Das ist sie! Solch ein Suchen hat auch schon einmal Stunden gedauert, doch jetzt fällt mir diese Erzählung bereits nach einigen Minuten zu... Sie ist auch noch überschrieben mit dem Titel „Das Testament“ – staunend darf ich erleben, wie es der HERR den Seinen ab und zu auch noch fast wie im Schlaf schenkt! Danke, HERR Jesus!

Denn heute geht es gewissermaßen um ein Testament, um das Testament, den letzten Willen unseres HERRN Jesus! Wenn wir als Jesu Erben und Gotteskinder in unserem Glauben nur äußerliche Reichtümer erhoffen, werden diese Wünsche in der Regel nicht erfüllt. Dagegen können wir immer wieder erfahren, daß wir, wenn wir unseren Heiland und Erlöser ganz und gar liebhaben, in Ihm ganz reich beschenkt sind! Dies darf in unserem Gleichnis das bescheidene Hausmädchen feststellen, dies dürfen Seine Freunde und Jünger immer wieder erleben, und dies darf ganz besonders der Apostel Johannes erfahren, der Jünger, welchen Jesus ganz besonders lieb hat. Es ist derselbe Johannes, welcher im 1. Johannesbrief im Kapitel 5 folgende Aussage macht

„12 Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes
nicht
hat, der hat das Leben nicht.“

Dieser Johannes hat Seinen HERRN und Heiland über alles geliebt, und dieser Johannes scheint auch der einzige Apostel zu sein, der den Weg unseres HERRN Jesus bis zum bitteren Ende, bis zu Seinem qualvollen Tod am Kreuz, mitverfolgt und begleitet hat. Im Johannesevangelium lesen wir sonst nur noch von einigen Frauen aus dem engeren Verwandten- und Bekanntenkreis unseres Heilandes, die unseren HERRN bis zuallerletzt begleitet haben – und nicht verzagt und hoffnungslos geflüchtet sind. Spurgeon bemerkt dazu: ´Frauen waren die letzten am Kreuz und die ersten am Grabe. Kein Frauenmund verleugnete den HERRN. Keine Frauenhand schlug Ihn. Aber – Frauen vergossen bittere Tränen um Ihn!`

Auch heute dürfen wir wieder unter dem Kreuz von Golgatha stehen und eines der sieben Worte Jesus betrachten, welche Er am Kreuz gesprochen hat. In den ersten beiden Worten vom Kreuz hat sich Jesus eigentlich nur um arme Sünder gesorgt, in den Worten von der Vergebung und Errettung..., wir haben in zwei Predigten davon gehört. Gerne wiederhole ich diese ersten beiden Worte noch einmal:

„Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34)

und

„Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst
du mit mir im Paradies sein.“
(Lukas 23,43)

Nun wendet sich Jesus in Seinem dritten Wort Seinen Anverwandten zu, besonders Seiner Mutter, die Er bei Seinem Kreuz stehen sieht: Daraus können wir folgern, daß unserem Heiland die armen Sünder mehr am Herzen gelegen haben als Seine eigenen Anverwandten. Sünder selig zu machen ist das eigentliche Werk unseres HERRN Jesus, es ist noch wichtiger als sich um die nötige Versorgung in Seiner eigenen Familie zu kümmern... Jesus drückt sich in der Bergpredigt dabei so aus

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner
Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“
(Matthäus 6,33)

Jesus ist zunächst einmal auf diese Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen, um die Schwachen und Kranken zu erretten und zu trösten - und nicht vorrangig, um die Gesunden und Starken zu versorgen und aufzumuntern. Jesus Christus ist für unsere Sünden für uns am Kreuz gestorben, damit alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Das ist das erlösende Evangelium, dieses Evangelium hat im Leben und im Sterben unseres Heilandes die allerhöchste Priorität.

Jesus hat sich in den ersten beiden Worten so sehr um die Sünder gesorgt und ihnen die verheißungsvollen Worte der Vergebung und Errettung geschenkt, doch nun wendet sich unser sterbender Heiland seinen nächsten Verwandten und Freunden zu, den Personen, die Ihn bis zum Schluß begleitet haben. Lesen wir dazu das dritte Wort vom Kreuz, lesen wir unseren heutigen Text aus Johannes 19, 25 – 27

„25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner
Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von
Magdala.
26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den
Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau,
siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger:
Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der
Jünger zu sich.“

Unter dem Kreuz lagern nicht nur die Soldaten, die den Hinrichtungsplatz bewachen. Viele Menschen kommen und gehen. Und hier treffen wir auch die Mutter Jesus wieder, auch die anderen so treuen Frauen, auf die ich heute nicht eingehen kann, und auch den Jünger, den Er liebhatte. Es ist Johannes, der Verfasser des Johannesevangeliums. Dieses dritte Wort vom Kreuz behandelt ein ganz großes Thema, ein Thema, welches ich selber nicht fassen und erfassen kann in all seinen Aussagen. Es geht um Liebe, ganz besonders um tätige Nächstenliebe. Wenn ich jetzt ein gestandener Familienvater wäre wie vielleicht unser Gerhard Gail, dann könnte ich über dieses dritte Wort bestimmt viel überzeugender sprechen. Doch ich bin nur ein etwas eigenbrödlerischer Single und habe mit dieser Liebe, die sich ganz besonders an unsere Nächsten wendet, noch nicht viel im Sinn gehabt. Ich bin eigentlich am zufriedensten, wenn ich mich nicht zu sehr um andere Probleme und Dinge und Personen sorgen muß, dazu schwebe ich viel zu gerne auf der fast schon paradiesischen ´Wolke Sieben` bei WDL... und kümmere mich dabei am liebsten um meine Arbeit und um mich selbst und um meine Beziehung zum HERRN. Ich bin also bestimmt nicht dazu berufen, etwas zum Thema Liebe und Nächstenliebe zu sagen... Doch hier ist nun einmal das dritte Wort vom Kreuz, und ich möchte es nicht so einfach übergehen. Deshalb, liebe Freunde, seid nachsichtig mit mir... vielleicht darf ich heute selber tatsächlich auch noch ein bißchen was dazulernen....

Nach diesen einleitenden Gedanken möchte ich uns jetzt wieder einen kleinen Überblick geben, von dem, was uns heute noch so alles erwartet.

Hauptteil

1. „Frau, siehe, das ist Dein Sohn“ – die erste Aussage Jesus
2. „Siehe, das ist Deine Mutter“ – die zweite Aussage Jesus
3. Was will uns Jesus damit sagen?

Schlußgedanke: ...geht es um die Heiligen der Gemeinschaft oder um die Gemeinschaft der Heiligen?

Singen wir nun zur Einstimmung aus unserem Lied 360 die erste Strophe

„HERR, wir bitten, komm und segne uns; lege auf uns Deinen Frieden! Segnend halte Hände über uns! Rühr uns an mit Deiner Kraft! In die Nacht der Welt hast Du uns gestellt, Deine Freude auszubreiten. In der Traurigkeit, mitten in dem Leid, laß uns Deine Boten sein!“

Wie paßt doch diese erste Strophe wieder zu dem heutigen Thema... ´ In die Nacht der Welt hast Du uns gestellt, Deine Freude auszubreiten. In der Traurigkeit, mitten in dem Leid, laß uns Deine Boten sein!` Die Nacht bricht herein am Kreuz von Golgatha, nicht nur im bildhaften Sinne, sondern auch in einer dreistündigen Finsternis, während unser Heiland Seinen fürchterlichen Todeskampf kämpft. Doch zuvor spricht Jesus diese Worte: „Frau, siehe, das ist Dein Sohn“ und „Siehe, das ist Deine Mutter“ und macht damit Maria und Johannes zu zeugnishaften Boten mitten in dem Leid, mitten in der Traurigkeit....

Johannes und Maria können dem sterbenden HERRN keinen Dienst mehr leisten. Sie können den Sterbenden nicht stärken oder trösten. Von der Mutter hören wir keinen Zuspruch an den leidenden Sohn. Den bitteren Kelch des Vaters trinkt Jesus ohne Hilfe von Menschen! Anstatt getröstet zu werden, spendet Jesus in Seiner Liebe dagegen noch selber Trost und gibt Seiner Mutter eine neue Heimat bei Seinem Jünger Johannes..., Seiner Mutter, die Er hier mit Frau oder Weib anredet und nicht mit Mutter....

Jesus, der Sohn Gottes, gehört nicht zu Maria, wie sonst Söhne zu ihrer Mutter gehören.

Lesen wir noch einmal den Vers 26

„26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den
Jünger, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau,
siehe, das ist dein Sohn!`“

Maria, die Mutter unseres Herrn Jesus, erfährt hier sicherlich die Erfüllung eines Wortes, welches ihr der alte Simeon im Tempel prophezeit hat, siehe

Kind wird sich das Leben vieler Menschen in Israel entscheiden;
denn es wird entweder ihr Richter oder ihr Retter sein. Viele
werden sich ihm leidenschaftlich widersetzen und dadurch zeigen,

daß sie gegen Gott sind. Der Schmerz darüber wird dir wie ein
Schwert durchs Herz dringen.“
(Lukas 2,34-Hoffnung für alle)

Ohne Zweifel ist Marias mütterliches Herz sehr bewegt durch den Anblick ihres verblutenden und so erbärmlich zugerichteten Sohnes und unseres HERRN Jesu.

Neben ihr steht aber auch der Jünger, den Jesus lieb hat. Ist es etwa Petrus, welcher mit seinem Meister in den Tode gehen wollte?

Ist es der Petrus, der sich seiner Nachfolge so sicher war? Lesen wir dazu aus Matthäus 26, 33-35 nach Luther

„33 Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch
alle Ärgernis nehmen, so will ich doch niemals Ärgernis nehmen an
dir
. 34 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser
Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
35 Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müßte,
will ich dich nicht verleugnen. Das gleiche sagten auch alle
Jünger.“

Ist dieser Jünger etwa Thomas, welcher in Johannes 11,16 sagt:

„16 «Ja», sagte Thomas - den man auch den Zwilling nannte - zu
den anderen Jüngern, «wir wollen mit Jesus nach Judäa gehen
und dort mit ihm sterben.»“

Nein, es ist weder Petrus noch Thomas..., beide scheinbar besonders selbstbewußte und mutige Jünger finden wir nicht unter dem Kreuz. Es ist Johannes, der unter dem Kreuz steht..., es ist der Jünger, der nicht durch große Sprüche aufgefallen ist, es ist der Jünger, welcher wohl die zarteste Liebe zu unserem HERRN hatte. Diese Liebe wirkt wie ein göttlicher Magnet, Johannes harrt in diesen bitteren Stunden am Kreuz aus und läuft nicht weg.

Diese beiden Personen, Maria und Johannes, spricht der HERR von Seinem Kreuz herab an. Seine Schmerzen sind dabei sicherlich noch vergrößert worden, ...beim Anblick Seiner betrübten Mutter. Bewundernswert ist hier die ungeheuer starke Gemütsverfassung unseres HERRN. Seine größten Schmerzen und Anfechtungen hindern Ihn nicht daran, jetzt noch die letzten Dinge zu regeln, anstatt einfach zu schreien und zu heulen und drauf los zu fluchen, wie wir es bei zu Tode Verurteilten eher erwarten würden.

Jesus spricht zuerst Seine Mutter Maria an

„26 Frau, siehe, das ist dein Sohn!“

Maria ist, allem Anschein nach, bereits Witwe. Von Josef, ihrem Ehemann, lesen wir seit den Kindheitstagen Jesu nichts mehr in der Heiligen Schrift. Da ihr nun auch noch Jesus entrissen wird, Jesus, der auch ihr Messias geworden ist, ihr Trostspender und Bewahrer, denkt sie jetzt vielleicht: Wer wird doch mich armes und verlassenes Weib schützen, wer wird sich meiner annehmen? Maria hat, wie wir es aus den Evangelien wissen, mehrere Kinder gehabt, von denen Jesus der Erstgeborene gewesen ist. Jesus hat also auch mehrere Geschwister gehabt, darunter Jakobus, Josef, Simon und Judas, wie es uns Matthäus 13,55 zeigt. Doch all diesen Geschwistern vertraut Jesus nicht Seine Mutter an – nein, Jesus vertraut Seine Mutter dem Johannes an, dem Apostel, der nicht weggelaufen ist, dem Apostel, welchen Jesus liebhat...:

´Frau, siehe, das ist Dein Sohn`!

Lesen wir in diesem Zusammenhang einmal Matthäus 12,46 – 50, diese Zeilen sind im Luthertext überschrieben mit „Jesus wahre Verwandte“

„46 Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine
Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. 47
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder
stehen draußen und wollen mit dir reden
. 48 Er antwortete aber
und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter,
und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand aus
über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter,
und das sind meine Brüder! 50 Denn wer den Willen tut meines
Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und
Mutter.“

Johannes tut ganz offensichtlich den Willen Seines Vaters im Himmel am liebevollsten – und deshalb, denke ich, wird er von unserem HERRN Jesus dazu ausersehen, sich besonders um Seine Mutter zu kümmern. Denn siehe, so scheint Jesus seiner Mutter sagen zu wollen, siehe, Du hast jetzt keinen Grund mehr, todunglücklich zu sein, weil Du in mir einen treuen und gehorsamen Sohn verlierst, der Dich getröstet und versorgt hat. Denn siehe, hier steht einer von meinen liebsten Jüngern, der so oft an meiner Brust gelegen hat, der soll ab sofort meine Stelle vertreten und Dich verpflegen, lieben und versorgen.

Ein weiterer Grund dafür, daß Jesus Seine Mutter nicht ihren leiblichen Kindern anvertraut hat, mag natürlich auch darin liegen, daß die Geschwister Jesu vielleicht weiterhin in Galiläa, vielleicht in Nazareth, geblieben sind und so zunächst nicht in der Lage sind, Maria zu trösten und zu versorgen. Es ist natürlich trotzdem nicht leicht zu verstehen, warum wir hier nicht mehr von den leiblichen Geschwistern unseres HERRN erfahren können.... Dereinst im Himmel werden wir aber auf Alles eine Antwort finden!

Singen wir aus Lied 360 weiter, diesmal die dritte Strophe:

„In den Streit der Welt hast Du uns gestellt, Deinen Frieden zu verkünden, der nur dort beginnt, wo man wie ein Kind, Deinem Wort Vertrauen schenkt. HERR, wir bitten, komm und segne uns; lege auf uns Deinen Frieden! Segnend halte Hände über uns! Rühr uns an mit Deiner Kraft!“

Nun spricht Jesus zu Johannes

„27...Siehe, das ist deine Mutter!“

Damit gibt Jesus dem Johannes zu verstehen, daß er ab sofort Maria für Seine Mutter halten und ihr alle Liebe und Gehorsam erweisen solle, die ein Sohn seiner Mutter schuldig ist. Sicherlich hat Johannes die Maria schon vorher geliebt und hoch geachtet, aber nun ehrt er sie noch viel mehr, nachdem sein sterbender Meister ihm die Mutter Jesu gewissermaßen testamentarisch anbefohlen hat.

Damit tröstet Jesus zugleich auch den Johannes. Denn das scheint noch immer der wirksamste Trost zu sein, wenn wir in unserem Leid Aufgaben bekommen, bei denen wir unsere Liebe für andere einsetzen können...

Für Johannes kommt es gar nicht in Frage, sich diesem Wunsch zu widersetzen, sich darüber zu beklagen, daß ihm solch eine schwere Last auferlegt wird. Er denkt bestimmt nicht: ´Woher soll ich die Mittel nehmen, Maria zu versorgen? Zwei Mäuler essen mehr als nur eines, wer weiß, was noch für schwere Zeiten auf uns zukommen werden? Maria hat damals natürlich noch keine Rente erhalten..., sie ist auf eine Versorgung innerhalb ihrer Familie oder ihres Freundeskreises angewiesen. Wenn ich mir dagegen einmal überlege, wie schwer ich mir dabei tue, meine Mutter auch nur mal für drei Wochen bei mir aufzunehmen... Nicht so Johannes, denn

„27 von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

Singen wir nun die vierte Strophe aus unserem Lied 360:

„In das Leid der Welt hast Du uns gestellt, Deine Liebe zu bezeugen.
Laß uns Gutes tun und nicht eher ruhn, bis wir Dich im Lichte sehn.
HERR, wir bitten, komm und segne uns; lege auf uns Deinen Frieden! Segnend halte Hände über uns! Rühr uns an mit Deiner Kraft!“

Johannes und Maria werden nun bestimmt genügend Gelegenheit haben, sich diese Liebe, die ihnen Jesus geschenkt hat, gegenseitig zu bezeugen, wie es in dieser Strophe heißt... Ach, könnte ich doch auch diese Liebe viel besser bezeugen, sie viel besser begreifen und auch weitergeben... Liebe ist nur ein Wort, heißt es sprichwörtlich, und es fällt mir, wie gesagt, sehr schwer, viele Worte über Liebe und tätige Nächstenliebe zu formulieren. Dennoch will ich uns die Frage stellen, was wir aus dem liebevollen Verhalten Jesus lernen können, uns die Frage stellen, was wir aus Seinem dritten Wort vom Kreuz für uns anwenden können.

Als erstes fällt hier auf, daß sich Jesus nicht nur um die unerretteten Sünder und um deren Seelenheil sorgt. Daß die Seelsorge auch nach der Errettung weitergeht – und das gibt auch mir immer wieder Hoffnung und Freude zum Leben. Jesus sorgt sich auch ganz konkret um unsere leiblichen Umstände, sorgt sich um die Versorgung Seiner leiblichen Mutter Maria, sorgt sich auch ganz konkret um unsere Nöte und Sorgen. So fragt Jesus nach Seiner Auferstehung, als Er bereits in ein verklärtes Leben eingetreten ist, seine Jünger, siehe Johannes 21,5:

„Kinder, habt Ihr nichts zu essen?“

Und als sie mit „nein“ antworteten, hat Er sie überreichlich mit Fisch versorgt! Diesem treuen HERRN sollen auch wir alle Sorgen überlassen und Ihm alle unsere Wege anbefehlen! Seine ganz persönliche Hilfe haben wir hoffentlich alle schon persönlich erfahren!

Zweitens, so schreibt hier der Prediger Jakob Rambach bereits im 17. Jahrhundert, bestätigt unser HERR Jesus hier das vierte Gebot, gewissermaßen bestätigt unser Heiland es hier sogar mit Seinem teuren Blut, es ist Sein ganz persönliches Testament! Lesen wir einmal dazu aus 2. Moses 20,12:

„12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du
lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben
wird.“

Paulus legt uns darüber hinaus ganz besonders folgende Verse an Herz

„4 Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese
lernen, zuerst im eigenen Hause fromm zu leben und sich den
Eltern dankbar zu erweisen; denn das ist wohlgefällig vor Gott.“
(1.Timotheus 5,4)

und auch, jetzt ganz verschärft, lesen wir dazu 1.Timotheus 5,8

„8 Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen,
nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer
als ein Heide.“

Unser HERR Jesus dehnt dieses bekannte vierte Gebot noch weiter aus, er deutet es nicht ganz eng nach dem Buchstaben des Gesetzes. Jesus zeigt uns hier, daß wir unter dem Namen des Vaters und der Mutter nicht nur unsere natürlichen Eltern verstehen sollen, die uns gezeugt haben, sondern auch alle Personen mit einschließen sollen, die die Stelle der Eltern vertreten. So nennt Jesus hier die Maria eine Mutter des Johannes und den Johannes einen Sohn der Maria, obwohl sie ja ganz bestimmt nicht seine natürliche Mutter ist!

Darüber hinaus sollen wir nicht nur unsere Eltern ehren und lieben, sondern auch all unsere Freunde und Anverwandten liebhaben. Es ist für Johannes so sehr bezeichnend, daß er in seinem ersten Johannesbrief dieses Liebesgebot für alle Jünger Jesus ganz weit faßt, lesen wir aus 1. Johannes 4,19
„19 Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“

Diese Nächstenliebe kann unserem Nächsten ein so viel erträglicheres und leichteres und auch natürlich auch süßeres Leben schenken! Aber wenn wir schließlich aus irgendwelchen Gründen, zum Beispiel durch Krankheit, nicht mehr in der Lage sind, tätige Nächstenliebe zu auszuüben, dann können wir natürlich diese Anliegen vortragen, weiterempfehlen und weiterreichen... Jesus macht es uns vor, der sterbende Heiland delegiert Seine Nächstenliebe weiter...

Jesus ist auch noch am Kreuz so treu und uneigennützig und liebevoll, wie schön wäre es, wenn auch wir, Du und ich, immer treuer und uneigennütziger und liebevoller werden könnten.... Dies mag ein bescheidenes Ergebnis sein, welches ich aus dieser Predigt mitnehmen könnte...

Ein großes Vorbild von mir, der Prediger Charles Spurgeon, ist mir da in seinen Erfahrungen mit der Liebe Jesus um Meilen voraus... Spurgeon kann mit seinen Gedanken über das dritte Wort vom Kreuz folgendes Fazit ziehen: „Wer Christus mehr als andere liebt, erhält die ehrenvolle Aufgabe, für die Gemeinde und für die Armen zu sorgen...!“

Singen wir nun die letzte Strophe aus unserem Lied 360:

„Nach der Not der Welt, die uns heute quält, wirst Du Deine Erde gründen, wo Gerechtigkeit und nicht mehr das Leid, Deine Jünger prägen wird. HERR, wir bitten, komm und segne uns; lege auf uns Deinen Frieden! Segnend halte Hände über uns! rühr uns an mit Deiner Kraft!“

Was für ein hoffnungsvoller Gedanke in der letzten Strophe, eines Tages werden auch wir ganz von der Liebe Jesus geprägt sein..., in einer himmlischen Gemeinschaft voller Nächstenliebe und Freude. Jesus empfiehlt uns in Seinem Wort immer wieder eine Gemeinschaft, nicht nur immer wieder mit Ihm, sondern natürlich auch mit unseren Geschwistern, zum Beispiel in der Gemeinde. Die Gemeinschaft ist eine Säule der Gemeinde Jesus, wir können es mit Apostelgeschichte 2, 42 belegen

„42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in
der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“

Jesus empfiehlt Maria, der Mutter Jesus, und dem Apostel Johannes
ganz herzlich und dringend diese Gemeinschaft. Nur in einer solchen Gemeinschaft können sie sich gegenseitig trösten, einander helfen, zusammen im Glauben wachsen, ihre himmlische Hoffnung gemeinsam weitergeben und viel Freude miteinander haben. Ohne diese Gemeinschaft wird die Gefahr immer größer, im Glaubensleben immer mehr zu zweifeln, immer mehr Unfriede zu erleben, ganz einfach für den Teufel viel angreifbarer zu sein – es sei denn, man klammert sich in einer solchen Situation immer mehr an unseren HERRN Jesus, aber wer kann diese Liebe zu unserem HERRN schon so ganz und gar ausleben?!?

Ich selbst ziehe mich immer wieder ganz gerne alleine in mein stilles Kämmerlein zurück, vielleicht auch deshalb, weil ich in der WDL – Gemeinschaft permanent von mindestens zwanzig Gläubigen umgeben bin. Wie gut ich es doch haben darf! Die gemeinsame Zeit, die gemeinsame Arbeit, auch die gemeinsamen Andachten empfinde ich dabei als sehr wohltuend... In der Gemeinde geht es mir genauso. Aus jedem Gottesdienst, aus jeder Bibelstunde und auch aus jedem früheren Hauskreisbesuch ging und gehe ich wesentlich gestärkter heraus, als ich vorher hineingegangen bin. Gemeinschaft erfreut, erfrischt und stärkt. Für mich jedoch ist auch die persönliche Gemeinschaft mit unserem HERRN Jesus im stillen Kämmerlein genauso wichtig – auch hier darf ich viel Freude, Kraft und Liebe erfahren.

Von unserem zukünftigen, angeblich bibelfesten Bundespräsidenten Johannes Rau stammt das folgende Zitat: „Ich glaube nicht an die Heiligen der Gemeinschaft, sondern an die Gemeinschaft der Heiligen!“ Dieser bemerkenswerte Satz läßt sich bestimmt sehr vielseitig interpretieren. Vielleicht hat Johannes Rau mit den Heiligen der Gemeinschaft schlechte Erfahrungen gemacht, vielleicht hat er gesehen, daß sich die Heiligen der Gemeinschaft selbst viel zu gerne in den Mittelpunkt stellen – und nicht unseren HERRN Jesus! In dieser Gefahr sind wir natürlich alle, solange wir noch auf dieser Erde, im geistlichen Feindesland, unser Leben leben... Wir sollen natürlich hier auf dieser Erde nicht am die Heiligen der Gemeinschaft glauben, auch wenn sie noch so gute Seelsorger und Freunde, Prediger und Pastoren sein sollten..., nein, Jesus Christus und sein Wort soll das tägliche Ziel unseres liebevollen Glaubens sein! Ich denke, als Heilige der Gemeinschaft erleben wir, solange wir nicht im Himmel sind, immer wieder ein sehr angefochtenes Dasein. Und da kann uns immer wieder die Gemeinschaft der Heiligen stärken, in deren Zentrum Jesus Christus lebt und wirkt. Erst im Himmelreich dürfen wir dann eine perfekte Gemeinschaft der Heiligen erwarten und erleben, eine Gemeinschaft von Gläubigen, die nicht mehr angefochten und versucht sein wird! Wollen wir hoffen und beten, daß unser neuer Bundespräsident Johannes Rau nicht nur scheinheilig daherreden kann, sondern auch als ein wahrer und bekennender Christ in die Geschichte Deutschlands und auch in die ewige himmlische Gemeinschaft der Heiligen mit uns zusammen eingehen kann!

Amen!