Predigt Jürgen 18. Februar 2001
Hiob 3 – 5
Seelsorge

Der Wunsch nach Gesundheit steht laut Umfragen bei den meisten Bürgern an erster Stelle. Der seelsorgerliche Umgang mit Kranken und ihrer Krankheit ist Thema einer Idea - Serie aus dem Jahr 1996 des lutherischen Theologen Pfarrer Dr. Hansjörg Bräumer, Leiter eines der größten diakonischen Werke in Norddeutschland, der Lobetalarbeit in Celle. Weil dieser Artikel so gut zu unserem Predigtthema paßt, werde ich diesen Pfarrer Bräumer öfters zitieren. Ganz am Anfang beschreibt er folgende Situation (aus: idea-Serie: Christen und Krankheit (Teil XI) 5-1996):

SEELSORGE/SERIE IDEA SPEKTRUM 5/1996
Eine plötzlich auftretende und unerklärliche Krankheit riß eine Frau mitten aus ihren Aktivitäten und fesselte sie ans Bett. Lange Zeit gelang es den Ärzten nicht, die Fieberschübe unter Kontrolle zu bringen. Als nach Wochen Besserung eintrat, besuchte ein Verwandter die Patientin. An das, was im einzelnen gesprochen wurde, konnte sie sich nicht mehr erinnern, doch nach dem Besuch war die Frau erregt und total erschöpft. Das Fieber war sprunghaft angestiegen. Die Ärzte sprachen von einem Rückfall. Der Besuch bewirkte alles andere, als daß er die Patientin aufrichtete.
Krankenbesuch als „Heimsuchung“ haben Kranke aller Zeiten
erfahren. Hiob, „der große Kranke“, wie ihn die jüdischen Ausleger
des Alten Testamentes nennen, wurde von seinen Freunden
besucht, von „Männern, denen er sein Geheimstes anvertrauen konn-te“ (Hiob 19,19). Hiob hatte sie liebgewonnen, und sie hatten ihm
bis zum „Krankenbesuch“ Liebe und Ehre erwiesen. Ihr Besuch trö-stete Hiob aber nicht. Denn die anfängliche Anteilnahme artete zur
„Heimsuchung“ aus. Sie warfen sich in kühler Selbstüberhebung zu
seinen Richtern auf – leiblich blieben sie ihm nahe, doch seelisch
waren sie weit von ihm entfernt. Die bittere Erfahrung Hiobs ver-anlaßte die jüdischen Seelsorger, Regeln für den Krankenbesuch zu
erarbeiten. Im Judentum ist diese „Mizwa“ ein „Liebesdienst nach
Gottes Wunsch“. Die Juden nennen ihn „Bikkur Cholim“, das heißt
„Fürsorge für den Kranken“. Im Unterschied zum nüchternen
Begriff „Krankenbesuch“ hat es den Klang des Helfenden und Hei-lenden. Wer zu einem Kranken kommt, so ein jüdisches Sprichwort,
nimmt ein Zehntel der Leiden des Kranken auf sich. In den jüdischen
Krankenbesuchsregeln wird aufgeführt, was mitzubringen ist: ein heiteres Gesicht, Worte der Ermutigung und ein inniges Gebet.
Ohne dieses sollte man besser auf einen Besuch verzichten.
Oft ist es angebracht, vor dem Beten schweigend beim Kranken
zu verweilen. Ein Händedruck und ein Blick sind oft beredter als Worte. Oberflächliche, gefühllose Worte sind keine Hilfe. Man sollte
nicht nur Zeit und Ruhe mitbringen. Der Besucher kleidet sich so,
als würde er zu einem freudigen Anlaß erscheinen. Die „Falten
eines Anzugs“ – so steht es in den jüdischen Regeln – spenden oft
mehr Trost, Hilfe und Hoffnung als viele gutgemeinte Worte.
So weit der Pfarrer Bräumer. Die frommen Juden haben anscheinend aus Hiobs Geschichte viel dazugelernt.

Wir haben uns im letzten Jahr zusammen die ersten beiden Kapitel aus dem Buch Hiob angeschaut. Für Hiob ist eine Welt zusammengebrochen, seine heile Welt existiert nicht mehr, nachdem er fast sein ganzes Hab und Gut, dazu auch noch seine Söhne und Töchter verloren hat. Zusätzlich plagen Hiob außerdem auch noch böse Geschwüre vom Kopf bis hin zur Sohle... Hiob, vormals der reichste und angesehenste Bewohner des bekannten Orients, ist zu einem Häuflein Elend geworden.

Und dann kommen gute, alte Freunde zu ihm, um ihn zu beklagen und ihn zu trösten. Von weitem erkennen sie ihn gar nicht mehr..., sie zerreissen ihre Kleider, setzten sich zu ihm und verbringen sieben Tage und Nächte schweigend zusammen..., so wie man es von sehr engen und mitfühlenden und guten Freunden vielleicht erwarten kann, zumindest in damaliger Zeit. Hier endet Kapitel 2. Ich möchte versuchen, uns heute durch die Kapitel Hiob 3 – 5 zu führen und uns hoffentlich in lebendiger Form zeigen, wie es mit Hiob weitergeht. Es fehlt mir die Zeit, jetzt alle 74 Verse zu lesen, und es wird mir natürlich die Zeit fehlen, auf viele Einzelheiten genauer einzugehen. Es soll auch kein trockener theologischer Vortrag werden, sondern ein erster Bericht über Hiobs weiteres Schicksal..., und was wir vielleicht aus all dem lernen können...!

Ich lese uns nun zur Einstimmung einige Schlüsselverse aus diesen Kapiteln...

Hi 3,1 Hiobs Klage
Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.
Hi 3,2 Und Hiob sprach:
Hi 3,3 Ausgelöscht sei a der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!
(a) Jer 20,14-18
Hi 3,11 Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?
Hi 3,12 Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?
Hi 3,13 Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe
Hi 3,14 mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die sich a Grüfte erbauten,
(a) 2. Sam 18,18
Hi 3,16 wie eine Fehlgeburt, die man verscharrt hat, hätte ich nie gelebt, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben.
Hi 3,20 Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen....?

Hi 4,1 HIOBS GESPRÄCHE MIT SEINEN FREUNDEN (Kapitel 4,1 - 27,23)
Des Elifas erste Rede
Da hob Elifas von Teman an und sprach:
Hi 4,2 Du hast's vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann's?
Hi 4,3 Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt;
Hi 4,4 deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt.
Hi 4,5 Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du!
Hi 4,7 Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?
Hi 4,8 Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein. a
(a) Spr 22,8
Hi 4,17 Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat? a
(a) 1. Kön 8,46; Ps 14,3; Spr 20,9

Hi 5,8 Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen,
Hi 5,9 der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind, a
(a) Kap 9,10
Hi 5,11 der a die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft.
(a) Ps 75,8; Lk 1,52
Hi 5,17 Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der a Zucht des Allmächtigen nicht.
(a) Ps 94,12; Spr 3,11
Hi 5,18 Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt, und seine Hand a heilt.
(a) 5. Mose 32,39; Hos 6,1
Hi 5,25 und du wirst erfahren, daß deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind,
Hi 5,26 und du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.
Hi 5,27 Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir's.

Nach diesen einleitenden Gedanken folgt nun wieder eine kurze Übersicht von dem, was uns heute hier erwartet.

HauptteilHiobs Klage und seine tiefe Verzweiflung (Kapitel 3)Elifas – kein Freund und Helfer (Kapitel 4+5)Krankenbesuche – aber richtig!
Schlußgedanke: ...Herr X wird wieder lebensfroh!

Singen wir nun vor unserem ersten Hauptteil die erste Strophe aus Lied 564

„Wie tief kann ich fallen, wenn alles zerfällt, wenn Brücken und Stützen verschwinden? Wie lang muß ich laufen auf dieser Welt, um sicheren Boden zu finden? Nie tiefer als in Gottes Hand, nie länger als in Seine Nähe. Nie bau ich mein Leben auf Sand, wenn ich jeden Schritt mit ihm gehe.“

Heute kommen wir zu einem Thema, von dem ich selber keine Ahnung habe. Es geht um Seelsorge. Es ist das erste Mal, daß ich mir darüber mehr Gedanken machen muß. Ich habe erkannt, daß zur aktiven Seelsorge sehr viel Nächstenliebe gehört, und da hapert es bei mir. Mein Seelsorger war und ist der HERR Jesus....
... doch Hiob ist in einer Situation, in der er sich von Gott in Stich gelassen fühlt, und so hofft er bestimmt auf Trost und Seelsorge von seinen drei Freunden.
Die Initiative nach diesem siebentägigem Schweigen geht von Hiob aus. Nicht die Freunde reden und Hiob antwortet, sondern Hiob fängt an zu reden, und die Freunde werden antworten. In Kapitel 1+2, da hat sich Hiob so weise und voller Gottvertrauen geäußert, wenn es um sein persönliches Leid ging, und jetzt folgen diese bittere und erschütternden Klagen... Wir sehen, Hiob ist auch nur ein Mensch, jetzt sogar ein ganz und gar armseliger...! Hiobs Glaube ist eingebrochen, ...Hiobs Glaube wird aber niemals aufhören!
Hiob verwünscht sein Dasein, aber Hiob verwünscht nicht Gott!

Hi 3,1 Darnach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte den Tag seiner Geburt.

Der Prophet Jeremia muß sehr viel erleiden, und auch er hadert in den Stunden seiner größten Not ähnlich mit Gott...

Jer 20,14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat! a
(a) Kap 15,10; Hiob 3,3-11; 10,18

Nach dem tragischen Verlust seiner Kinder kann Hiob in Hiob 1 trotz alledem seinen allmächtigen Gott noch loben, siehe

Hi 1,21 Und er sprach: Nackt bin ich von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahingehen; der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gelobt!

...doch nun kann Hiob nur noch fluchen und sich selbst bedauern.
Es ist besser, niemals geboren worden zu sein als jetzt dazuhocken in Sack und Asche. Die schönen Tage seines Lebens sind vergessen...
In Indien, da geht es jetzt Zehntausenden so, nach der verheerenden Erdbebenkatastrophe.... Kurz vorher haben die Hindus noch eines ihrer höchsten Feste gefeiert, 30 Millionen Hindus sind zum Ganges gepilgert, um sich dort in den kalten Fluten von ihren Sünden abzuwaschen, ...auch Hindus haben eine Sündenerkenntnis..., wenn ihnen auch das Wichtigste, die Vergebung fehlt...
Hiobs große Not erinnert mich an Psalm 88, einen der vielleicht depressivsten Klagepsalmen. Ähnlich wie Hiob hat der Psalmist kaum noch Hoffnung, aber er spricht und betet zumindest noch mit Gott.

Ps 88,3 Laß mein Gebet vor dich kommen, neige deine Ohren zu meinem Schreien.
Ps 88,4 Denn meine Seele ist übervoll an Leiden, und mein Leben ist nahe dem Tode.
Ps 88,9 a Meine Freunde hast du mir entfremdet, du hast mich ihnen zum Abscheu gemacht. Ich liege gefangen und kann nicht heraus,
(a) Ps 38,12
Ps 88,15 Warum verstößt du, HERR, meine Seele und verbirgst dein Antlitz vor mir?

Hiob stellt die bekannte ´Warum Frage` gleich dreimal. Warum muß ihm das alles passieren? Siehe
Hi 3,11 Warum starb ich nicht gleich bei der Geburt und kam nicht um, sobald ich aus Mutterschoße ging?
Hi 3,20 Warum läßt er Lebensmüde noch die Sonne sehen und zwingt er betrübte Seelen noch zu leben?

und

Hi 3,12 Warum kamen mir Knie entgegen und wozu Brüste, daß ich sog?

Mit den Knien sind hier die Knie des Vaters gemeint, der ein Neugeborenes als sein Kind anerkennt, indem er es auf seine Knie nimmt... In einigen Beduinenstämmen soll heute noch die Frau, von anderen Frauen gestützt, stehend gebären, wobei der Mann vor ihr hockt, um das Kind auf seinen Knien zu empfangen. Nimmt ein Vater ein Kind nicht auf seine Knie, so ist einer alten Sitte nach das Kind für die Aussetzung bestimmt... Ein Ausgesetzter muß des Hungers sterben... Verzweifelt ruft Hiob also aus: Hätte mich mein Vater doch nicht als Sohn angenommen, und hätte meine Mutter mich doch bloß verhungern lassen! Im Grab wird jeder Ruhe finden...

Hiob singt ein Loblied auf den Tod. Der Tod ist ein Freund, der alle Unterschiede einebnet... Im Grab sind Rangstufen und Abhängigkeiten bedeutungslos... Nicht geboren zu sein oder Tod bedeutet für Hiob Ruhe, Frieden mit Königen und Fürsten, mit Erschöpften und Gefangenen, sie alle finden im Totenreich Ruhe und Frieden (Verse 13-18). Es gibt keine Knechtschaft mehr... Bettler und Könige sind im Tode gleich vor Gott, der die Person und den Besitz nicht ansieht... So als ob der Tod die Belohnung für ein sündiges oder auch frommes Leben wäre..., so denkt Hiob in seinen schlimmsten Stunden..., es kann ja nur noch besser werden!

Hiob erfährt in seinem Leiden eine großeTodessehnsucht, aber Selbstmord kommt für ihn nicht in Frage... Das Ringen um die Frage, warum ihm all das passieren muß, hält ihn am Leben. Hiob kennt ja Gott, und nun hadert und ringt er mit ihm, und deshalb kommt Selbstmord nicht in Frage... Warum läßt Gott mein Leiden zu?

Singen wir nun aus Lied 564 die zweite Strophe
„Wie frei kann ich werden? Man hält sich für frei und hört doch nicht auf sich zu binden. Wie klar kann ich sehen? Wer hilft mir dabei, das Ziel meines Lebens zu finden? Nie freier als in Gottes Hand, nie klarer als in Seiner Nähe. Nie bau ich mein Leben auf Sand, wenn ich jeden Schritt mit ihm gehe.“

Kommen wir nun zum zweiten Hauptteil.
Elifas, einer der drei Freunde und Besucher Hiobs, hält seine erste Rede, sie erstreckt sich gleich über die Kapitel 4-5.

Elifas fängt sehr gut an. Seine ersten Worte sprechen mit Hochachtung von Hiobs bisherigem Lebenswerk, als Menschenfreund und Tröster habe Hiob selbst viele Strauchelnde wieder aufgerichtet. Doch dann, ab Vers 5 in Kapitel 4, da geht es los. Was hilft denn noch ein so guter Ansatz in einem seelsorgerlichen Gespräch, wenn bereits der zweite Gedankengang alles zerschlägt und kaputtmacht?

Hi 4,5 Da es nun an dich kommt, erliegst du, und weil es dich trifft, bist du so bestürzt.

Kannst Du denn als Tröster der Armen und Elenden Deinen eigenen Predigten keinen Glauben mehr schenken... so etwas ähnliches wirft ihm der Elefas ziemlich brutal vor. Hiob habe keine Gottesfurcht, keinen Trost und keine Hoffnung mehr, so fährt Elifas im übertragenen Sinne in Vers 6 fort. Und dann, der Vers 7, da werden ganz scharfe Geschütze aufgefahren...

Hi 4,7 Bedenke aber: ist je ein Unschuldiger umgekommen, oder wurden je Rechtschaffene vertilgt?

Das will heißen: Hiob ist nicht unschuldig, Hiob hat gesündigt, also muß es ihm schlecht gehen! Leiden als Folge von Sünde..., ein ganz und gar dummer Erklärungsversuch für Hiobs Leiden...
Sich selbst hält Elifas dagegen für unschuldig und rechtschaffen, also bleibt er natürlich von Gottes Zorn verschont..., das können wir auch aus diesen Vers 7 folgern...

In Vers 8 donnern Elifas Geschütze weiter, und zwar taktisch ganz
geschickt....

Hi 4,8 Soviel ich gesehen habe: die Unrecht pflügen und Unheil säen, ernten es auch.

Elifas bezichtigt hier Hiob nicht direkt des Unrechts und der Sünde, indem er sagt: ´Du hast Unrecht getan`, nein Elifas geht indirekt vor und sagt dabei, er kenne einen..., der Unheil sät und es dann auch erntet. Warum sollte es Hiob hier nicht genauso geschehen?

Woher Elifas das alles weiß? Er habe es von Gott, so sagt es Elifas, da kann der arme Hiob nicht widersprechen!
Und dann erschlägt Elifas den armen Hiob mit dieser persönlichen Gottesoffenbarung, siehe Verse 12-21...
In diesem Traum, in diesem Nachtgesicht habe ihm Gott eine rhetorische Frage gestellt, die man natürlich nur mit ´nein`beantworten kann...

Hi 4,17 Ist der Sterbliche gerecht vor Gott oder ein Mann vor seinem Schöpfer rein?

Nein, keiner kann gerechter sein und... deshalb mußt Du, Hiob, doch bestimmt gesündigt haben...! So läßt es sich zwischen den Zeilen lesen... Deshalb Hiob, auch Dein sinnloses Leben und Dein sinnloser Tod..., siehe Verse 19-21...
Hiob ist hilflos diesen Worten seines „Freundes“ ausgesetzt...

Und Elifas erste Rede geht in strenger oberlehrerhafter Art und Weise weiter, von Seelsorge keine Spur... Elifas fährt weitere schwere Geschütze auf, um den Hiob weiter fertigzumachen..., weil er ja ein Sünder sei...
Jetzt, in Kapitel 5 spricht Elifas ganz allgemein über Toren und bezieht dabei seine Aussagen ganz auf Hiobs scheußliche Situation.
Ein Tor – ist das Gegenteil eines weisen Menschen... und alles, was Hiob erleben muß, sei die Folge seiner Torheit...

Hi 5,2 Denn den Toren erwürgt der Zorn, und den Einfältigen tötet der Eifer.
Hi 5,3 Ich selbst habe einen Toren gesehen, der Wurzel schlug; sobald ich aber sein Gehöft verfluchte,
Hi 5,4 waren seine Söhne vom Glück verlassen und wurden unterdrückt im Tore, und niemand rettete sie;

Hiob, da mußt Du durch! Wie wäre es denn mit Beten? Siehe Vers 8

Hi 5,8 Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen,
Elifas bringt so auch immer wieder gut gemeinte Ratschläge und biblische Wahrheiten, aber er bringt sie aus einer total lieblosen und hochmütigen Haltung heraus... Und dann, in den Versen 9 – 16, malt der Elifas dem Hiob ein großartiges Bild von unserem allmächtigen und helfenden Gott vor Augen, schöne und wahre und große Worte, doch dann kommt immer wieder Elifas erhobener Zeigefinger, mit dem er, ganz als Moralappostel, den Hiob regelrecht erschlägt..., dann kommt der Hammer

Hi 5,17 Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der a Zucht des Allmächtigen nicht.
(a) Ps 94,12; Spr 3,11

Hiob, da mußt Du durch, den Toren geht es nun mal schlecht... Elifas hat wirklich kein seelsorgerliches Feingefühl und benimmt sich dabei wie ein Elefant in einem Porzelanladen...

Ein alter Pfarrer liegt schwerkrank im Bett und leidet große Schmerzen.. Ein junger Vikar besucht ihn und will ihn trösten. Wohlmeinend sagt er: „Wen Gott liebhat, den züchtigt er...“ Worauf der alte Mann bedächtig und unter Schmerzen antwortet: „Ja, aber jetzt wünsche ich, daß Gott mal wieder einen anderen Menschen liebt!“



Es erfordert schon einen sehr starken Glauben eines Todkranken, wenn er aus solchen Worten Hoffnung, Trost und Liebe schöpfen will... Es ist, als ob der Elifas zum Hiob sagen würde

Röm 8,28 Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem a Ratschluß berufen sind.
(a) Eph 1,11

In dieser Situation hätte Elifas auch genausogut aus 1. Petrus zitieren können

1Petr 4,13 sondern a freut euch, daß ihr mit Christus leidet, b damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt.
(a) Apg 5,41; Jak 1,2; (b) Röm 8,17

Diese Worte sind alle wahr, sie stimmen bestimmt, sie trösten aber nur selten in großen Anfechtungen und Leiden. Mit diesen Worten kann man auch Trostsuchende erschlagen... Trostworte müssen nicht nur richtig sein, sondern sie müssen auch zur Situation passen!

Spr 15,23 Es ist einem Mann eine Freude, wenn er richtig antwortet, und wie wohl tut ein Wort zur rechten Zeit!

Genauso feinfühlig fährt Elifas fort... und erzählt in schönen Worten viel von unserem rettenden Gott (Verse 18 – 27) und tritt dabei schon wieder in neue Fettnäpfchen..., siehe Vers 25

Hi 5,25 und du wirst erfahren, daß deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind,

Was für Trostworte: Ohne sich darum zu kümmern, daß Hiobs Kinder alle schon tot sind, tut Elifas so, als ob Hiobs Kinder später so zahlreich sein werden wie das Gras auf Erden... Auch die Verheißung auf ein weiteres gesegnetes Leben in Vers 26, muß in Hiobs Ohren sehr ironisch und sarkastisch klingen..., Hiob, vom Tode gezeichnet,
erfährt, das er alt und lebenssatt begraben wird... Wieder so ein Wort, welches eine Berechtigung haben kann (und sich auch prophetisch bewahrheitet in Hiobs weiterem Leben), welches aber nicht seelsorgerlich tröstet, sondern eher fertig macht...

Benedikt Peters hat uns in Beatenberg hierzu ein gutes Beispiel erzählt. Abends vor dem Schlafengehen setzt sich Benedikt Peters zu seinem Sohn ans Bett, es fehlen ihm zehn Franken in seinem Portemonaie, er hat seinen Sohn in Verdacht... und will ihn zum Bekennnen seiner Sünde bringen...

Benedikt Peters fragt nun seinen Sohn: Ist Gott allwissend? Ja! Sagt sein Sohn brav. Ist Gott allmächtig? Ja! - Straft Gott Sünder? Ja! –Peters spricht jetzt: ´Alles ist wahr! Heraus mit der Sprache, bekenne, Du hast das Geld genommen! `Nun, wenn es sein Sohn nicht genommen hat, dann hat Benedikt Peters lauter wahre Dinge über Gott zu seinem Sohn gesagt... und doch falsches gesagt! Und genauso Elifas, er sagt hier lauter wahre Dinge über Gott, die teilweise auch im Neuen Testament zitiert werden, um Hiob dazu zu drängen, daß er bekennt, daß er gesündigt habe...!

So schön und wahr Elifas Rede sein kann, sie liegt total daneben, denn Hiob hat ja nicht gesündigt. Elifas geht in seiner ersten Rede von falschen Voraussetzungen aus. Hiob ist kein Sünder, Hiob hat bereits in seiner Beziehung zu Gott Vergebung erfahren, immer wieder! Hiob ist einer der wenigen Glaubenshelden in der ganzen Bibel, über deren sündhaftes Verhalten nichts berichtet wird. Sicherlich hat Hiob immer wieder gesündigt, doch diese Sünden sind nicht der Rede wert. Gott hat sie nicht für uns aufgeschrieben, sie sind vergeben und vergessen. Jesus hat auch uns als seinen Kindern Vergebung geschenkt, auch wir dürfen unbefleckt dastehen und aus Seiner Vergebung heraus leben!

Singen wir nun aus Lied 564 die dritte Strophe
„Wie weit kann ich denken? Wie komm ich dahin, nicht nur für mich selber zu leben? Wie gut kann ich helfen, wenn andre sich mühn, den Berg ihrer Sorgen zu heben? Nie weiter als in Gottes Hand, nie besser als in Seiner Nähe. Nie bau ich mein Leben auf Sand, wenn ich jeden Schritt mit Ihm gehe!“

Unser bereits ganz am Anfang zitierter Pfarrer Bräumer zeigt uns jetzt einen biblischen und seelsorgerlichen Weg, wie wir mit Krankenbesuchen umgehen können. Als Vorbild nimmt er sich den Jakobusbrief, Kapitel 5. Diese Verse richten sich zwar zunächst an die Ältesten einer Gemeinde, sie können aber auch einen jeden einzelnen von uns betreffen, ob als Trostspender aus der Gemeinde oder aber auch als sehr kranker Mensch.... Ich zitiere wieder aus seinem Artikel.

„Im Brief des Jakobus wird ein Krankenbesuch besonderer Art überliefert. Es ist der sogenannte „Apostolische Krankenbesuch“
und hat fünf Kennzeichen:

1. Die Ältesten rufen.
Die Initiative geht vom Kranken aus. Er bittet um den Besuch der „Ältesten“. Das kommt heute nur noch selten vor. Die Gründe sind vielfältig. Manche meinen, jeder müsse von seiner Krankheit wissen, die Vertreter der Gemeinde werden schon von alleine kommen. Andere verzichten auf den Ruf aus Mangel an Glauben. Sie setzen ihre Hoffnung allein auf die Arztvisite. Die meisten aber wissen gar nicht, wen sie rufen sollen. Kaum eine Gemeinde kennt aber das Amt der betenden Ältesten.
2. Sie salben mit Öl
Damals brachten die Ältesten die Medizin. Darauf weist einmal das
Wort für „salben“, zum andern der Begriff „Öl“. Beim Salben handelt
es sich nicht um eine religiöse Salbung (griechisch: chirein), sondern
um einen therapeutischen Akt des Einreibens (griechisch: aleivo).
Das Öl galt als Heilmittel mit vielfältiger Wirkung. Der Samariter
zum Beispiel goß Öl in die Wunden des unter die Räuber Gefallenen.
Die Salbung mit Öl war keine Weihe zum Sterben. An die Stelle
der Einreibung mit Öl ist heute die ärztliche Behandlung mit Medika-menten getreten. Aufgabe der Mitarbeiter einer Gemeinde bleibt, die Entscheidung des Arztes und die Wirkung der Medikamente in ihre Gebete einzuschließen.
3. Die Ältesten beten um Heilung
Sie kommen, um für den Kranken zu beten. Sie bitten Gott, daß
der Kranke gesund wird. Die vom Kranken Gerufenen kommen im
Dienst der Gemeinde und nicht als Privatpersonen, sondern Gesandte
Jesu Christi. Sie kommen nicht zu einem allgemeinen Gespräch und
auch nicht zur frommen Berieselung. Sie sind weder zudringlich
noch taktlos. Sie kommen, um zu beten. Dabei ist nicht die Rede von
Handauflegung, sondern ganz einfach vom Beten über dem Kranken.
Die Gerufenen beten um Heilung! Das Gebet der Ältesten heißt im
Neuen Testament „Gebet der Gerechten“ (Jakobus 5,16). Die
Gerechten sind die durch Jesu Vergebung Gerechtgemachten. Ihr
Gebet hat eine große Kraft, bleibt nicht ohne Wirkung. Das bedeutet
aber nicht in jedem Fall die Heilung. Dies ist schon deshalb nicht
möglich, weil jeder Mensch einmal sterben muß. Heilung um jeden
Preis wird im Neuen Testament nicht versprochen; zugesagt aber
ist Vergebung der Schuld, Rettung und neuer Mut.

4. Dem Kranken wird Vergebung zuteil
Die Beichte und der Zuspruch der Vergebung sind kein notwendiger
Bestandteil jedes Krankenbesuches. Er hängt davon ab, ob den
Kranken eine Schuld quält, die er bekennt. Daraufhin folgt die direk-te Zusage der Vergebung. Das Sündenbekenntnis hat eine zweifache
Bedeutung. Da der Kranke möglicherweise dem Tode nahe ist, kann
er sein Verhältnis zu Gott ordnen. Die danach empfangene Zusage
der Vergebung hat die innere Heilung zur Folge, was auch zur kör-perlichen Heilung führen kann.

5. Der Kranke wird gerettet und aufgerichtet
Krankheiten lehren den Kranken nicht immer das Beten, sie können
ihn auch von Gott wegbringen. Der Kranke ist in Gefahr, zu verbittern. Es ist sogar denkbar, daß ein alleingelassener Kranker Gott flucht. Das Gebet der Ältesten bewirkt Zuversicht und Gottvertrauen. Es hilft ihm, alles von Gott zu erwarten. Das Ergebnis ist das Gerettet- und Aufgerichtetwerden des Kranken.
„Das Gebet wird den Kranken retten“ (griechisch: sozein). Der
Kranke ist ganz in der Hand des Retters und Heilandes (griechisch:
soter), Jesus Christus. Der Herr selbst wird den Kranken aufrichten
(griechisch: egerein). Retten ist mehr als heilen und aufrichten,
mehr als aufstehen lassen! Kein Kranker muß allein bleiben.
Jeder Kranke kann Mitarbeiter der Gemeinde rufen und sie bitten:
Betet für mich! Voraussetzung ist, daß es in der Gemeinde Menschen
gibt, die Jesus gerechtgemacht hat, solche, die sich für Jesus als ihren persönlichen Heiland entschieden haben. Solche Mitarbeiter lassen sich rufen.

Singen wir nun noch die erste Liedstrophe aus Lied 230
„Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht, wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht. Ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt, wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.“

Elifas, ein guter Freund aus Hiobs guten Tagen, hat sich bisher als schlechter Freund und Seelsorger erwiesen. Ich selbst hätte sicherlich auch sehr große Schwierigkeiten, wenn ich einen schwer leidenden Menschen begleiten müßte, deshalb möchte ich uns hier keine eigenen Tips weitergeben. Mir ist aber nach einem stummen Gebet noch eine kleine Geschichte rechtzeitig in die Hände gefallen, die uns hier den richtigen Weg zeigen kann. Sie stammt aus dem Kalender „Zeit zum Leben 2001“, Ulli Hees hat uns einige Exemplare dagelassen. Jetzt zum Schluß lese ich sie uns am besten einfach mal vor.

„Der zehnte Freund des Menschen X
Einmal war X traurig, niedergeschlagen und hoffnungslos. Er setzte sich und wartete auf Trost, er wartete nicht vergebens, er bekam:
Für lästig, aber notwendig gehaltene Kommunikation, in Form von belangloser Konversation, mit dem Thema flüchtig geheuchelte Anteilnahme, angefüllt mit üblichen Floskeln, mit schönen, aber leider leeren Worten, mit von der Lebenserfahrung bestätigten Lebensweisheiten, gespickt mit schlauen Sprüchen und Ratschlägen. Der Mund sprudelte über und redete wie ein Wasserfall, er floss über und war in diesem Sinne überflüssig, denn die Rede, die mit „Es wird schon werden, Kopf hoch!“ endete, hatte X nicht gebraucht.

X war jetzt noch trauriger, niedergeschlagener und hoffnungsloser als zuvor, denn bei den nächsten acht „Freunden“, die kamen, erging es ihm nicht anders.

Erst vom zehnten Freund bekam X, was er brauchte. Er brauchte: Ein wenig wahres Mitgefühl, ein wenig von der so kostbaren Zeit, ein Ohr, das bereit war, zuzuhören, währenddessen der Mund auch mal bereit war, einfach zu schweigen. Danach ein durchdachter, ehrlicher und nicht pauschaler Ratschlag, der erkennen ließ, daß Problem und Situation verstanden waren. Und schließlich ein „Es wird schon werden!“, das aufgrund seiner Herzlichkeit nicht platt wirkte. Letztlich die Mut machende Versicherung, im Gebet an X zu denken.

X war nicht sofort von seiner Traurigkeit, von all der Niedergeschlagenheit und von der so beängstigenden Hoffnungslosigkeit befreit, aber der zehnte, der wahre Freund des Menschen X durfte sich irgendwann freuen, daß es X besserging.“

Amen