Kurzpredigt „Gnade“
26. Januar 2003
Johannes 1,16-17

"16 Und von seiner Fülle haben wir alle
genommen Gnade um Gnade. 17 Denn das Gesetz ist durch Mose
gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus
geworden.”
(Johannes 1,16-17)

1945. Das KZ Dachau wird befreit. Die Täter zieht man zur Verantwortung. Sie müssen für ihre Verbrechen bezahlen. Die überlebenden Häftlinge werden an den Peinigern vorbeigeführt. Um den Hals jeder Aufseherin und jedes Wachmannes hängt eine Tafel. Wen die Überlebenden für schuldig halten, auf dessen Tafel dürfen sie einen Strich ziehen. Die Zahl der Striche wird das Ausmaß der Schuld an den Tag bringen. Als die polnischen Priester an der Reihe sind, treten sie näher – und gehen vorbei. Keiner von ihnen zieht einen einzigen Strich. Kein einziger klagt an. Wozu die polnischen Priester damals fähig waren, das war Gnade. In großer Münze ausgezahlt. Das Richten über Menschenleben legten sie in Gottes Hand. Was sie taten, war ein Zeichen für Gottes Gnade. Gottes Gnade ist großherzig und sie macht Menschen großherzig (aus „Licht und Kraft 2003 vom 10.1.03).

Was ist eigentlich Gnade, Gnade, die sich hinter dem griechischen Begriff “charis” verbirgt? Folgende Definitionen erleichtern uns einen Einstieg.

Gnade steht für ein völliges, kindliches und entzücktes Annehmen unserer Not, für eine Freude an der völligen Abhängigkeit zu Gott (C.S. Lewis)

Der verstorbene Pfarrer Donald Barnhouse hat Gnade einmal sehr treffend so beschrieben: “Liebe, die sich nach oben richtet, ist Anbetung, Liebe, die sich nach außen richtet, ist Zuneigung, Liebe, die sich herabneigt, ist Gnade!”

Gnade bedeutet unverdientes Entgegenkommen. Dieses unverdiente Entgegenkommen geschieht dabei von einer Person, die selbst höher steht als wir selbst und die sich dabei zu uns herabneigt. Das Wort kommt uns entgegen, neigt sich zu uns herab und wird Fleisch. Wenn wir dabei dieses Wort annehmen, Jesus in unser Herz aufnehmen, dann können wir dabei immer mehr Seine ganze Herrlichkeit und Wahrheit erfahren, das ist Gnade! Jesus selbst gebraucht übrigens das Wörtchen Gnade überhaupt nicht, Jesus selbst lebt uns diese Gnade vor!

Kennt Ihr den Unterschied zwischen Gnade und Barmherzigkeit? Ich habe da vor kurzem folgende Erklärung gehört:
Gnade ist die Erlösung, die wir nicht verdient haben.

Bei Gnade geht es also hauptsächlich um unsere Erlösung, siehe auch

Eph 2,8 Denn a aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und b das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es,
(a) Röm 3,23-24; (b) Gal 2,16

Der Ursprung unserer Errettung ist Seine Gnade! Aus Gnade dürfen wir an unseren HERRN Jesus glauben! Gnade ist aber so wichtig in unserer täglichen Nachfolge. Seine Gnade zieht uns immer mehr zu Ihm hin, Seine Gnade trägt uns durch, lässt uns dabei ausharren und überwinden.

Barmherzigkeit dagegen bewahrt uns vor den alltäglichen Strafen, die wir verdient hätten...!

Unseren Glauben können wir mit einem Leitungsrohr vergleichen. Dieses Rohr kann mitunter sehr verschmutzt, wenn nicht gar verstopft sein. Gottes Gnade entspricht in diesem Bild der Quelle, dem Strom, dem lebendigen Wasser, welches dieses Leitungsrohr frei macht, reinigt und sauber hält. Irgendein Leitungsrohr, irgendein Glauben, kann uns nicht von alleine frei machen. Unser Glaube an Jesus ist aber der Kanal, durch ihn kann Seine göttlichen Gnade beständig fließen möchte!

Ein anderes Bild:
Unsere verlorene Seele lässt sich mit einem stehenden Eisenbahnwaggon vergleichen. Die göttliche Gnade ist hier die Lokomotive. Unser Glaube an Jesus verbindet nun ein für alle Male unseren Eisenbahnwaggon mit der vorwärts fahrenden Lokomotive und lässt sich so immer mehr von unserem HERRN ziehen. Das Tempo in diesem Bild können wir freilich oftmals selbst festlegen. Es kommt darauf an, wie oft wir immer wieder die Notbremse ziehen und nur schleppend vorankommen oder ob wir uns dagegen im Schnellzugtempo von unserem HERRN mitreißen lassen!

Der Prediger Tozer schreibt zum Thema Gnade folgendes:
„Brüder, wir sollten uns deutlich dessen bewusst sein, dass der lebendige Gott Seine Gnade so wenig verbergen kann wie die Sonne ihre Strahlen! Wir müssen uns außerdem daran erinnern, dass die Gnade Gottes ohne Ende und ewig ist. Als eine Eigenschaft Gottes ist sie so grenzenlos und unendlich wir Er. Das alte Testament ist tatsächlich ein Buch des Gesetzes, aber nicht des Gesetzes allein. Vor der großen Flut fand Noah Gnade in den Augen des HERRN, und nachdem das Gesetz gegeben war, sagte Gott zu Mose: „Du hast Gnade gefunden in meinen Augen (2. Mose 33,12)“
Die große Quelle und der Ursprung des christlichen Heils ist die Liebe Gottes, nicht das Gesetz des Mose. Die Gnade Gottes macht in den Tagen des alten Testamentes ein heiliges Leben ebenso möglich wie sie es heute tut!“ Soweit Tozer.

Das mosaische Gesetz ist für uns tot. Jesus lebt dafür in uns. Die Gnade Gottes wirkt in uns, führt und leitet uns, läßt uns aus Seiner Gnade heraus leben, wenn wir diese Gnade akzeptieren, den HERRN in uns leben lassen!

Und wenn der HERR Jesus täglich in uns wirken kann, dann brauchen wir den Buchstaben des Gesetzes nicht mehr, dann lassen wir uns dafür immer wieder vom Geist Gottes belehren, führen und leiten. Allein Seine Gnade genügt! Sie ist solch ein unverdientes Entgegenkommen, diese Gnade. Und diese Gnade erleben wir nicht nur einmal bei der Bekehrung, diese Gnade dürfen wir täglich erfahren! Dazu weist mir Jesus täglich neu den Weg. Und wenn ich aus dieser Gnade Seines Entgegenkommens heraus lebe, aus ihr täglich neue Kraft schöpfe, dann brauche ich das Gesetz, die schriftlichen Weisungen Gottes im Alten Testament nicht mehr! Dann weist mir dafür Jesus persönlich immer wieder neu den Weg!

“Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.”
(Johannes 8,36)

Wir sind so frei! Ich bin so frei! Ausgelebte Gnade befreit uns von Perfektionismus, von Kleinlichkeit, von Schuldgefühlen, von Unsicherheit, von Tratscherei und Heuchelei. Und wenn wir diese Gnade so richtig ausleben, dann bekommen wir die Kraft von oben, auch mal zu verzichten und aufzugeben, aber auch mehr zu tun, anzufangen, was auch immer! Dann können wir auch von anderen Geschwistern lernen, und darüber staunen, daß Gott natürlich auch Menschen benutzt, die nicht immer meiner Meinung sind, wie es die Schrift am Beispiel von Paulus und Barnabas zeigt. Aus freier Gnade heraus leben heißt aber auch, immer wieder danach zu fragen, was würde Jesus jetzt an meiner Stelle machen?!? Aus freier Gnade heraus leben heißt deshalb, schon jetzt ein vollmächtiges und frohes Leben im Namen Jesu, in der Kraft Seines Heiligen Geistes zu führen – und das wünsche ich uns allen!
Amen!